Was kostet uns die Chatkontrolle wirklich?
Die Kommission selbst veranschlagte 24,489 Milliarden Euro über zehn Jahre. Was die Zahl bedeutet — und was sie nicht bedeutet.
24,489 Milliarden Euro? 80 Milliarden? Mehr als 200 Milliarden?
Über die sogenannte Chatkontrolle wird meistens über Privatsphäre, Verschlüsselung und Grundrechte diskutiert.
Doch es gibt noch eine andere Frage:
Was kostet das eigentlich?
Nicht abstrakt. Sondern in Euro.
Und eine der erstaunlichsten Zahlen stammt nicht von Kritikern der Chatkontrolle. Sie stammt von der Europäischen Kommission selbst:
24,489 Milliarden Euro.
So hoch veranschlagte die Kommission die direkten Kosten ihrer umfassendsten 2022 untersuchten Variante über einen Zeitraum von zehn Jahren.
Wichtig ist allerdings auch, was diese Zahl nicht bedeutet:
Die EU hat kein 24-Milliarden-Euro-System beschlossen. Der heutige Rechtsstand ist deutlich enger, und über die langfristige Regelung wird weiterhin verhandelt.
Schauen wir uns deshalb die Rechnung genauer an.
Zuerst erschienen als Artikel auf X.
Was gilt im August 2026 tatsächlich?
„Chatkontrolle“ ist ein politischer Begriff, kein amtlicher Name.
Mit Chatkontrolle 1.0 wird üblicherweise die befristete Ausnahme vom europäischen Schutz der Vertraulichkeit elektronischer Kommunikation bezeichnet, die bestimmten Anbietern freiwillige Maßnahmen zur Erkennung sexuellen Kindesmißbrauchs ermöglicht.
Seit Juli 2026 gilt hierfür die Verordnung (EU) 2026/1881. Sie läuft bis zum 3. April 2028.
Zwei Punkte sind entscheidend:
Die Maßnahmen sind freiwillig.
Und die Verordnung gilt ausdrücklich nicht für zwischenmenschliche Kommunikation, auf die Ende-zu-Ende-Verschlüsselung angewendet wird, wurde oder werden soll.
Eine EU-Pflicht zum Client-Side-Scanning Ende-zu-Ende-verschlüsselter Messenger besteht nach dieser Übergangsverordnung also nicht.
Chatkontrolle 2.0 bezeichnet dagegen den seit 2022 verhandelten langfristigen europäischen Rechtsrahmen.
Der ursprüngliche Kommissionsentwurf ging erheblich weiter. Das Europäische Parlament und der Rat haben inzwischen jeweils deutlich veränderte Positionen entwickelt.
Das Parlament will Detection Orders nur zielgerichtet, zeitlich begrenzt und als letztes Mittel zulassen und Ende-zu-Ende-verschlüsselte Kommunikation davon ausnehmen.
Der Rat setzt in seiner Position von November 2025 stärker auf Risikobewertung, Risikominderung, Entfernung illegaler Inhalte und die dauerhafte Möglichkeit freiwilliger Erkennung.
Die endgültige Verordnung ist noch nicht beschlossen.
Das ist wichtig, denn die folgende Milliardenrechnung beschreibt nicht das heute geltende Recht, sondern die von der Kommission 2022 untersuchten Modelle.
Die EU hat die Rechnung selbst aufgemacht
In ihrer Folgenabschätzung untersuchte die Kommission verschiedene Ausbaustufen.
Die Kosten über zehn Jahre steigen nach Berechnung der Kommission von:
- 714,5 Mio. € bei einer vergleichsweise begrenzten Variante mit freiwilliger Erkennung
- auf 10,654 Mrd. € mit verpflichtender Erkennung bekannten Materials
- 18,918 Mrd. € einschließlich der Erkennung neuen Materials
- und schließlich 24,489 Mrd. € bei der umfassendsten Option einschließlich Grooming-Erkennung
Quelle: Europäische Kommission, SWD(2022) 209, Tabelle 33.
Der enorme Unterschied zeigt: Die wirtschaftliche Frage lautet nicht einfach „Chatkontrolle — ja oder nein?“.
Sie lautet auch: Welche technischen Funktionen sollen überhaupt verlangt werden?
Die 24,489-Milliarden-Euro-Rechnung
Für die umfassendste Option E veranschlagte die Kommission rund 1,60 Milliarden Euro einmalige Kosten.
Danach wären jährlich rund 1,463 Milliarden Euro bei den Diensteanbietern und 825,6 Millionen Euro bei öffentlichen Stellen angefallen.
Über zehn Jahre ergibt die Folgenabschätzung 24,489 Milliarden Euro direkte Kosten.
Das sind zunächst einmal Aufbau, Integration, Betrieb, Moderation, Prüfung, Verwaltung und Behördenarbeit.
Nicht enthalten ist eine von uns angenommene Rechnung für verlorenes Vertrauen, zusätzliche Cyberrisiken oder geringere Investitionen.
Das kommt später.
Was bedeutet das pro Kopf?
In der Europäischen Union lebten am 1. Januar 2026 rund 452 Millionen Menschen.
24,489 Milliarden Euro geteilt durch 452 Millionen ergeben:
≈ 54,18 € je EU-Einwohner.
Natürlich erhält niemand eine Rechnung aus Brüssel über 54,18 Euro.
Unternehmenskosten können sich in Preisen, Margen, Personal- oder Investitionsentscheidungen niederschlagen. Kosten öffentlicher Stellen werden aus öffentlichen Haushalten getragen.
Die 54,18 Euro sind deshalb kein persönlicher Rechnungsbetrag, sondern ein Kostenäquivalent.
Deutschland erwirtschaftete 2025 rund 23,8 Prozent des gesamten EU-BIP.
Verteilt man die Kosten rein modellhaft entsprechend der Wirtschaftsleistung, entfielen auf Deutschland ≈ 5,83 Milliarden Euro.
Bei 83,5 Millionen Einwohnern wären das ≈ 69,80 € je Einwohner.
Auch hier gilt: Das ist keine deutsche Haushaltsprognose, sondern eine Verteilungsschätzung.
Bekanntes Material, neues Material und Grooming sind drei verschiedene Probleme
Ein entscheidender Fehler vieler Diskussionen besteht darin, sämtliche „Erkennung“ technisch in einen Topf zu werfen.
Bekanntes illegales Material kann über Hash- oder Fingerprintverfahren mit bereits bestätigtem Referenzmaterial verglichen werden.
Bei neuem Material existiert dieser bekannte Fingerabdruck nicht. Ein Klassifikator muß beurteilen, ob bislang unbekannter Inhalt wahrscheinlich rechtswidrig ist.
Bei Grooming wird es noch komplexer. Hier muß Software menschliche Kommunikation und Kontext analysieren.
Diese Aufgaben unterscheiden sich fundamental — technisch, statistisch und wirtschaftlich.
Und je komplizierter die Erkennung wird, desto wichtiger werden Fehlalarme.
Eine Million Fehlalarme — bei nur 0,1 Prozent
Die ergänzende Folgenabschätzung des Wissenschaftlichen Dienstes des Europäischen Parlaments enthält dazu ein eindrucksvolles Rechenbeispiel.
Angenommen, ein System verarbeitet eine Milliarde Nachrichten pro Tag.
Und angenommen, lediglich 0,1 Prozent werden fälschlicherweise markiert.
Das ergibt 1.000.000 Fehlalarme pro Tag.
Die Studie rechnet weiter: Benötigt ein Mensch durchschnittlich zehn Sekunden, um einen Treffer zu prüfen, wären für diese eine Milliarde Nachrichten rund 400 ständig arbeitende Prüfer erforderlich.
Berücksichtigt man Schulung, Urlaub und Wochenenden, wären es nach der EPRS-Schätzung eher 800 Personen.
Die Studie bezeichnet diese Arbeitslast als nicht praktikabel.
Wichtig: Die 0,1 Prozent sind ein illustratives Szenario, keine gemessene Fehlalarmrate eines heute eingesetzten EU-Systems.
Aber es zeigt das Skalierungsproblem hervorragend: Ein winziger Prozentsatz kann bei Milliarden Vorgängen eine riesige absolute Zahl werden.
Mehr Meldungen bedeuten nicht automatisch mehr Kinderschutz
Automatisierung erzeugt Meldungen.
Sie erzeugt aber keine zusätzlichen Stunden eines Ermittlers.
Der Wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments weist deshalb auf einen wichtigen Punkt hin: Eine steigende Zahl gemeldeter Verdachtsfälle bedeutet nicht automatisch eine entsprechende Steigerung von Ermittlungen, Anklagen oder geretteten Kindern.
Wenn Behördenkapazitäten begrenzt sind, müssen zusätzliche Meldungen zunächst gefiltert, geprüft und priorisiert werden.
Genau deshalb sind die mehr als 800 Millionen Euro jährlicher Kosten für öffentliche Stellen in der Kommissionsrechnung kein nebensächlicher Posten.
Automatisierung kann Arbeit sparen.
Sie kann aber auch neue Arbeit in industriellem Maßstab erzeugen.
Verschlüsselung ist wirtschaftliche Infrastruktur
Starke Ende-zu-Ende-Verschlüsselung schützt nicht nur private Gespräche.
Unternehmen übertragen darüber Geschäftsgeheimnisse, Angebote, Vertragsentwürfe, Konstruktionsdaten, Quellcode, Forschungsinformationen, Zugangsdaten und interne Strategien.
Ärzte, Anwälte, Behörden, Journalisten, Entwickler und Unternehmen sind auf vertrauliche Kommunikation angewiesen.
Europas Datenschutzbehörden EDPB und EDPS weisen deshalb darauf hin, daß starke Verschlüsselung nicht nur die Vertraulichkeit von Kommunikation schützt, sondern auch Vertrauen, Innovation und das Wachstum der digitalen Wirtschaft unterstützt.
Das ist ein wirtschaftlicher Wert, der in keiner einfachen Haushaltszeile auftaucht.
Man sieht ihn meistens erst, wenn Sicherheit fehlt.
Und es gibt eine zusätzliche technische Asymmetrie.
EDPB und EDPS weisen darauf hin, daß ein Täter eine clientseitige Erkennung grundsätzlich umgehen kann, indem Inhalte bereits vor der Übertragung mit einer separaten Anwendung zusätzlich verschlüsselt werden.
Das bedeutet nicht, daß sämtliche Erkennung wirkungslos wäre.
Es bedeutet aber, daß jede Wirksamkeitsanalyse auch eine unbequeme Frage beantworten muß:
Wie teuer ist es für einen normalen Nutzer, von der Kontrollinfrastruktur erfaßt zu werden — und wie teuer ist es für einen technisch versierten Täter, ihr auszuweichen?
Alberich versucht deshalb, starke Kryptographie praktisch und alltagstauglich zu machen — als zusätzliche Schutzschicht für Messenger und E-Mail. Nicht als Argument gegen wirksamen Kinderschutz, sondern aus der Überzeugung, daß sich Kinderschutz und sichere private Kommunikation nicht gegenseitig ausschließen müssen.
Mehr über das Projekt: alberich.pro.
Und was kostet der wirtschaftliche Nebeneffekt?
Hier endet der Bereich belastbarer Kostenzahlen.
Wir wissen nicht, ob und wie stark eine bestimmte künftige Regelung Investitionen, Vertrauen, Cybersicherheit oder Produktentscheidungen beeinflussen würde.
Deshalb behaupten wir ausdrücklich nicht, Chatkontrolle verursache einen bestimmten Prozentsatz BIP-Verlust.
Wir können aber eine Sensitivitätsrechnung durchführen.
Das EU-BIP betrug 2025 rund 18,8 Billionen Euro.
Was würde ein hypothetischer dauerhafter wirtschaftlicher Effekt von lediglich 0,01, 0,03 oder 0,10 Prozent bedeuten?
Szenario A: 0,01 %
0,01 Prozent von 18,8 Billionen Euro entsprechen 1,88 Milliarden Euro pro Jahr. Über zehn Jahre: 18,8 Milliarden Euro. Zusammen mit den direkten Kosten: 43,289 Milliarden Euro.
Szenario B: 0,03 %
0,03 Prozent entsprechen 5,64 Milliarden Euro pro Jahr. Über zehn Jahre: 56,4 Milliarden Euro. Zusammen: 80,889 Milliarden Euro.
Szenario C: 0,10 %
0,10 Prozent entsprechen 18,8 Milliarden Euro pro Jahr. Über zehn Jahre: 188 Milliarden Euro. Zusammen: 212,489 Milliarden Euro.
Noch einmal: Das sind keine Prognosen
Niemand kann heute seriös behaupten: „Chatkontrolle reduziert das EU-BIP um 0,03 Prozent.“
Wir tun das auch nicht.
0,01, 0,03 und 0,10 Prozent sind Streß-Test-Annahmen.
Sie zeigen lediglich, wie groß der Hebel in einer 18,8-Billionen-Euro-Wirtschaft ist.
Und genau deshalb ist selbst diese scheinbar winzige Zahl bemerkenswert:
0,03 % klingen nahezu bedeutungslos.
Über zehn Jahre entsprechen sie aber 56,4 Milliarden Euro.
Zur Wahrheit gehört auch die andere Seite der Rechnung
Eine faire ökonomische Analyse darf die möglichen Vorteile einer wirksamen Maßnahme nicht unterschlagen.
Die Europäische Kommission schätzt die gesamten gesellschaftlichen Kosten sexuellen Kindesmißbrauchs in der EU auf rund 13,8 Milliarden Euro pro Jahr.
Dazu gehören unter anderem gesundheitliche Folgen, Produktivitätsverluste, Opferhilfe und Kosten der Strafverfolgung.
Wenn eine Maßnahme einen erheblichen Anteil dieses Schadens tatsächlich verhindert, kann auch eine teure Maßnahme wirtschaftlich sinnvoll sein.
Genau deshalb ist die entscheidende Frage nicht: „Sind 24,489 Milliarden Euro viel?“
Sondern: Wie viel zusätzlichen Kinderschutz kaufen wir für dieses Geld?
Wenn eine Milliarde Euro zusätzlicher Aufwand tatsächlich eine große Zahl von Kindern vor Mißbrauch schützt, ist das völlig anders zu bewerten als eine Milliarde Euro, die hauptsächlich für die Sortierung falscher Treffer verwendet wird.
Deshalb muß die Wirkungskette betrachtet werden:
Erkennung → Meldung → menschliche Prüfung → Ermittlungsverfahren → Täter oder Opfer identifiziert → Mißbrauch tatsächlich beendet oder verhindert.
Eine Million Meldungen sind noch kein Erfolg.
Der Erfolg beginnt dort, wo daraus tatsächlicher Schutz für Kinder entsteht.
Was müßte Europa deshalb veröffentlichen?
Vor dem Aufbau einer dauerhaften Kontrollinfrastruktur sollten für jede verwendete Technik nachvollziehbare Kennzahlen vorliegen:
- Wie hoch sind Precision und Recall?
- Wie viele Fehlalarme entstehen je Million untersuchter Vorgänge?
- Wie viele Meldungen führen zu Ermittlungen?
- Wie viele Täter und Opfer werden dadurch tatsächlich identifiziert?
- Welche Kosten entstehen pro verwertbarem Fall?
- Wie einfach kann ein Täter das System technisch umgehen?
- Und welche zusätzlichen Sicherheitsrisiken entstehen für alle anderen Nutzer?
Das wäre keine Behinderung von Kinderschutz.
Das wäre normale technische und wirtschaftliche Qualitätssicherung.
Die wichtigste Zahl kennen wir noch nicht
Für den ursprünglichen Entwurf von Chatkontrolle 2.0 kennen wir zumindest einen Teil der Rechnung.
Die umfassendste von der Kommission 2022 untersuchte Variante: 24,489 Milliarden Euro über zehn Jahre.
Das ist keine Zahl von Gegnern der Chatkontrolle.
Es ist die Folgenabschätzung der Europäischen Kommission.
Was wir nicht kennen, ist der langfristige Preis möglicher zusätzlicher Cyberrisiken.
Wir kennen nicht den Preis verlorenen Vertrauens.
Wir kennen nicht die Auswirkungen auf Investitionen und europäischen Wettbewerb.
Und wir wissen vor allem noch nicht präzise genug, wie viel zusätzlichen Kinderschutz jede technische Variante tatsächlich erzeugt.
Die vielleicht wichtigste Zahl dieser gesamten Debatte lautet deshalb weiterhin: ?
Sexueller Kindesmißbrauch ist ein schweres Verbrechen.
Opfer müssen geschützt werden. Täter müssen verfolgt werden. Illegales Material muß entfernt werden.
Aber aus einem richtigen Ziel folgt nicht automatisch, daß jedes technische Mittel gleichermaßen wirksam, verhältnismäßig und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Gerade bei einer Infrastruktur, die potentiell sehr große Teile digitaler Kommunikation betrifft, sollte Europa deshalb drei Dinge verlangen:
nachweisbare Wirksamkeit, nachvollziehbare Kosten und nachweisbare Sicherheit.
Nicht erst nach der Einführung.
Sondern vorher.
Welche Zahl müßte die EU vor einer endgültigen Entscheidung zwingend veröffentlichen: Fehlalarmrate, Kosten je verwertbarem Fall, Zahl tatsächlich identifizierter Opfer — oder etwas anderes?
Quellen: Europäische Kommission, SWD(2022) 209, insbesondere Tabelle 33 · Verordnung (EU) 2026/1881 · Europäisches Parlament/EPRS, Complementary Impact Assessment 2023 · EDPB/EDPS Joint Opinion 04/2022 · Europäisches Parlament, Position 2023 · Rat der Europäischen Union, General Approach 2025 · Eurostat, Bevölkerung 2026 und BIP 2025.
Stand: 26. August 2026.