Elizebeth Friedman — Lady Manhunter

Literaturwissenschaftlerin, Codebrecherin, „Lady Manhunter“. Die fast vergessene Geschichte einer Frau, die Schmugglercodes knackte, Nazi-Spione jagte und Tausende Menschenleben schützen half.

Literaturwissenschaftlerin. Codebrecherin. „Lady Manhunter“.

Die fast vergessene Geschichte einer Frau, die Schmugglercodes knackte, Nazi-Spione jagte und Tausende Menschenleben schützen half.

Elizebeth Smith Friedman war Literaturwissenschaftlerin, Shakespeare-Liebhaberin und Mutter. Und sie wurde zu einer der bedeutendsten Kryptoanalytikerinnen des 20. Jahrhunderts.

Mit Papier. Mit Bleistift. Und mit einem außergewöhnlichen Blick für Muster.

Sie knackte die Codes von Schmugglern und Gangstern, jagte Nazi-Spione und half, mehr als 8.000 Menschen auf einem einzigen Schiff vor deutschen U-Booten zu schützen.

Ihre Geschichte beginnt ausgerechnet mit Shakespeare.

Elizebeth Friedman im Porträt, verschlüsselte Versandlisten und Schiffe der Küstenwache — Header zum Artikel

Zuerst erschienen als Artikel auf X.

Shakespeare, Bacon und ein Code, den es nicht gab

  1. Die dreiundzwanzigjährige Elizebeth Smith kommt nach Riverbank, dem privaten Forschungslabor des Millionärs George Fabyan in Illinois. Fabyan ist überzeugt, daß Shakespeare seine Werke gar nicht selbst geschrieben habe. Er glaubt an Francis Bacon — und daran, daß sich der Beweis dafür verschlüsselt in den Texten versteckt.

Elizebeth soll ihn finden.

Das Problem: Die angeblichen Geheimcodes existieren nicht.

Doch während sie danach sucht, lernt sie etwas, das ihr ganzes Leben bestimmen wird — wie man verschlüsselte Nachrichten liest.

In Riverbank trifft sie den Genetiker William Friedman. Die beiden verlieben sich, heiraten und machen aus der Suche nach imaginären Shakespeare-Botschaften echte Wissenschaft.

William und Elizebeth Friedman 1917 vor dem Anwesen in Riverbank

Während des Ersten Weltkrieges wird Riverbank zeitweilig zum einzigen kryptologischen Labor der USA. Elizebeth und William analysieren Nachrichten und bilden amerikanische Offiziere aus.

Doch ihre spektakulärsten Fälle kommen erst später.

12.000 verschlüsselte Nachrichten

  1. Prohibition.

Die Coast Guard steht vor einem beinahe unlösbaren Problem: Rum-Schmuggler organisieren über Funk ganze Lieferketten — Schiffe, Treffpunkte, Treibstoff, Anlandungen. Doch ihre Funksprüche bestehen aus scheinbar bedeutungslosen Buchstabengruppen.

Also holt man Elizebeth Friedman.

Ihre Abteilung besteht anfangs aus gerade einmal zwei Menschen: ihr und einer Hilfskraft. Keine Maschinen. Nur Papier und Bleistift.

In den folgenden Jahren entschlüsseln sie rund 12.000 Nachrichten. Die gewonnenen Erkenntnisse fließen in etwa 650 Strafverfahren ein. Friedman selbst tritt in 33 Prozessen als Sachverständige auf.

12.000 Nachrichten. 650 Strafverfahren. 33 Auftritte als Sachverständige.

Offiziere der U.S. Coast Guard auf einem Schiff neben beschlagnahmten Whiskykisten

„Lady Manhunter“

Friedman sitzt nicht nur hinter einem Schreibtisch. Vor Gericht muß sie Geschworenen erklären, warum scheinbar zufällige Buchstaben plötzlich etwas ganz Konkretes bedeuten:

Wo liegt das Schiff? Wann kommt die nächste Lieferung? Wer gibt wem Befehle?

Ihre Entschlüsselungen treffen internationale Schmugglerringe — und Männer aus dem Umfeld Al Capones. In New Orleans sagt sie gegen drei mutmaßliche Capone-Leutnants aus.

Die Presse gibt ihr einen Namen: „Lady Manhunter“.

Doch dann ändern sich ihre Gegner.

Und aus Schmugglercodes werden Nachrichten eines feindlichen Geheimdienstes.

Aus Schmugglern werden Nazi-Spione

Anfang der 1940er Jahre tauchen im abgefangenen Funkverkehr neue Nachrichten auf. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie der alte Schmugglerfunk.

Sind sie aber nicht.

Sie stammen aus deutschen Spionagenetzen in Südamerika. Agenten melden alliierte Schiffsbewegungen und Informationen über die Rüstungsproduktion nach Deutschland.

Einer der wichtigsten Gegner heißt Johannes Siegfried Becker.

Deckname: Sargo.

Ein SS-Agent, der von Argentinien aus ein großes Netz steuert. Das FBI hält ihn für einen der gefährlichsten deutschen Agenten der westlichen Hemisphäre.

Historische Südamerikakarte mit Funknetz und Enigma-Tastatur — deutsche Spionagenetze im Zweiten Weltkrieg

Friedman und ihr Team analysieren Tausende Funksprüche und knacken immer neue Verfahren — darunter auch mehrere von deutschen Agenten genutzte Enigma-Verbindungen.

Aus der Frau, die einst nach erfundenen Shakespeare-Codes gesucht hatte, ist eine Gegnerin der Enigma geworden.

Ihre erste große Suche galt einem Code, den es gar nicht gab. Jahrzehnte später las sie die Nachrichten echter Spionagenetze.

Die Queen Mary

März 1942.

Friedmans Einheit entschlüsselt mehrere Nachrichten über ein besonders wichtiges Ziel: die RMS Queen Mary.

Das ehemalige Passagierschiff transportiert mehr als 8.000 amerikanische Soldaten. Deutsche Agenten verfolgen seine Position. U-Boote suchen nach dem Schiff. Hitler hat eine hohe Prämie für seine Versenkung ausgesetzt.

Doch Friedman kann die Nachrichten lesen.

Die Erkenntnisse werden weitergeleitet. Die Queen Mary ändert ihren Kurs und entkommt.

Mehr als 8.000 Männer erreichen sicher ihr Ziel.

Ein paar entschlüsselte Buchstabengruppen — und Tausende Menschen leben weiter.

Die RMS Queen Mary im Hafen von New York, 20. Juni 1945, mit vollbesetzten Decks und Schleppern

Und das FBI bekommt den Ruhm

Friedmans Arbeit hilft, die deutschen Netze in Südamerika offenzulegen. Doch öffentlich wird ein anderer Mann damit verbunden: J. Edgar Hoover.

Sein FBI erhält ihre entschlüsselten Nachrichten und präsentiert den Erfolg weitgehend als eigenen.

Teilweise richtet das Vorgehen sogar Schaden an. Nach frühen Verhaftungen erkennen andere Agenten, daß ihre Kommunikation kompromittiert ist, und wechseln ihre Verfahren.

Friedman und ihr Team müssen von vorne anfangen.

Und sie knacken auch die neuen Codes.

Ihre eigene Rolle bleibt dagegen jahrzehntelang weitgehend unbekannt.

Was ihre Geschichte über Kryptographie erzählt

Elizebeth Smith Friedman gewann ihre wichtigsten Kämpfe nicht mit einer Wunderwaffe.

Sie suchte nach Wiederholungen. Sie verglich Strukturen. Sie erkannte Gewohnheiten. Und sie fand die Stellen, an denen ein scheinbar kompliziertes System seine eigenen Regeln verriet.

Darin steckt eine zeitlose Lektion der Kryptographie:

Komplexität allein erzeugt noch keine Sicherheit.

Ein Verschlüsselungsverfahren kann kompliziert aussehen. Es kann Maschinen, Codebücher, Schlüssel und ausgeklügelte Abläufe besitzen.

Doch wenn sich Muster wiederholen, wenn Menschen Verfahren falsch anwenden oder wenn Abläufe vorhersehbar werden, entsteht eine Angriffsfläche.

Friedmans Gegner lernten diese Lektion auf die harte Tour.

Eine Pionierin, die beinahe vergessen wurde

Elizebeth Smith Friedman starb 1980. Viele Details ihrer Arbeit waren damals noch geheim. Erst später wurde sichtbar, wie groß ihr Anteil tatsächlich gewesen war.

1999 nahm die NSA sie in die Cryptologic Hall of Honor auf. Heute gilt sie als eine der Pionierinnen der amerikanischen Kryptanalyse.

Die Cryptologic Hall of Honor der NSA: Wand mit Ehrenplaketten unter der Aufschrift These Were The Giants

Ihre Geschichte als Kryptoanalytikerin begann mit der Suche nach einem Code, den es gar nicht gab.

Sie führte sie zu Schmugglercodes, Spionagenetzen — und schließlich zur Enigma.

Vielleicht ist das die passendste Zusammenfassung:

Man braucht nicht immer einen Supercomputer. Manchmal genügt es, zu erkennen, was sich wiederholt.